30. Juni 2019

Traum erfüllt – auch ohne Hilfe - Existenzgründerinnen enttäuscht von der Stadt

Norddeutsche Rundschau, 27.06.2019

Gisela Tietje-Räther KELLINGHUSEN „Familienfreundlich“ – nur ein werbewirksames Label für das Stadtmarketing? Besonders für die umworbenen jungen Familien scheint sich das Versprechen nicht zu erfüllen. Vor allem Plätze in der U 3-Kindertagespflege sind unter berufstätigen Eltern heiß umkämpft. Horst Nitz (Die Linke) sprach in der jüngsten Ratsversammlung von mehr als 30 Kindern auf der Warteliste. Angesichts der angespannten Lage fragte er nach einem Projekt, welches im Februar im Kita-Lenkungsausschuss auf den Tisch lag.

Dort hatten Jessica Völter und Yvonne Koppmann über ihren Tagesmutterzusammenschluss informiert und die Stadt um Unterstützung gebeten. Mit einem Angebot von zehn Plätzen würden die Tagesmütter zumindest die Spitzen abdecken, sagte Nitz. Vor diesem Hintergrund sei nicht zu verstehen, weshalb das Thema es nicht in die politischen Gremien geschafft habe. Zumal Sozialausschuss-Chef Henning Schlüter (BFK) dem Lenkungsausschuss angehöre. „Es stand im Sozialausschuss im März nicht auf der Agenda, die Sitzung im Juni ist wegen Themenmangels sogar ausgefallen“, so Nitz. Er hätte sich gewünscht, dass über die neue Einrichtung und ihr Unterstützungsanliegen genauso diskutiert worden wäre, wie es bei Anträgen anderer Träger die Regel sei.

Die zwei Jungunternehmerinnen Jessica Völter und Yvonne Koppmann sind auch ohne Unterstützung der Stadt stolz auf ihre frisch eingerichtete Kindertagespflege mit dem Namen „Krabbelkäfer und Krümelmonster“. Nachdem offizielle Stellen grünes Licht gaben, erfüllte sich ein Traum für sie. „Ich wollte immer etwas mit Kindern machen“, sagt Völter. Jetzt, wo sie selbst Mutter sei, und überdies die erfahrene Kollegin kennengelernt habe, sei die berufliche Umorientierung gelungen. Als eine passende Unterkunft im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gefunden war, legten Frauen voller Elan los. Nach rund zweimonatiger Kernsanierung unter beträchtlichem Einsatz beider Familien wurde zuletzt die ebenfalls in Eigenleistung gebaute große Sandkiste im geschützten Innenhof des Hauses aufgebaut. „Wir sind mit Anfragen zugeschüttet worden und bekommen jetzt noch jede Menge Mails und Anrufe“, beschreibt Völter den Ansturm auf die bis Jahresende voll ausgebuchte Einrichtung. Betreut werden in der Zeit von 7.30 Uhr bis spätestens 16.30 Uhr derzeit zehn Ein- bis Dreijährige im Rundum-Angebot inklusive Frühstück und Mittagessen. Für die zwei Gruppen mit fünf Mädchen und Jungen stehen jeweils ein Spiel- und Schlafraum zur Verfügung. Gemeinsam genutzt werden die große Küche und das altersgerecht eingerichtete Bad.

Für die Realisierung ihres Projekts haben Völter und Koppmann ihr gesamtes Erspartes aufgebraucht und bis zum Umfallen gearbeitet. „Um die häufig in Anspruch genommenen zwei Krippenbusse in einem guten gebrauchten Zustand zu ergattern, sind wir quer durch die Republik gefahren“, erklärt Koppmann. Von der Stadt fühlen sie sich komplett allein gelassen, unterstreichen beide Frauen. Andere Kommunen würden entlastendes privates Engagement von Tagespflegepersonen mit offen Armen begrüßen, wissen sie. „Mit vielfältiger Unterstützung von der Hilfe bei der Anschaffung von Krippenbussen, Übernahme der Kosten für Qualifizierungsmaßnahmen bis hin zu Hauskauf oder Mietzuschuss.“ Nicht so Kellinghusen. Hier habe sich die Hilfe von Bürgermeister Axel Pietsch darauf beschränkt, über das Amt eine Kreissatzung zuzustellen. „Die ist uns natürlich bekannt“, sagt Völter enttäuscht.