26. September 2018 Marianne Kolter

Ein kleiner Zwischenstand bzgl. Landwirtschaft und Massentierhaltung in SH sowie die Folgen, die sich daraus ergeben

Liebe Interessierte,

für die eine oder andere Diskussion ein paar Zahlen aus einer aktuellen Stellungsnahme des BUND zur Landwirtschaft in SH. Und die Folgen für Umwelt und v.a. die Gewässer.Die Situation und Trends in der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein:

Die Rinderdichte liegt im Land westlich einer Linie Wedel – Kiel bei über 120 Tieren pro 100 Hektar und ist damit eine der höchsten in Deutschland (vgl. Fleischatlas 2018, S.21). Hier befinden sich auch überwiegend die leichten Vorgeest- und Geestböden mit ihrer geringen Sorptionskraft.

Der Maisanbau hat seit 1970 von 5.000 Hektar auf 181.000 Hektar zugenommen. Damit ging ein Grünlandverlust von 262.000 Hektar einher. 

Weiter verschärft wird die Situation durch die Zulassung und den Bau von Megaställen. So wurden allein von 2012 bis 2015 zirka 62.000 Mastschweineplätze und 407.000 Mastgeflügelplätze nach Bundes-Immissionsschutzgesetz beantragt. Erkauft wird diese Industrialisierung mit Futtermittelimporten, die heute 12 Prozent der Stickstoffzufuhr im Agrarsektor bedeuten....

Das ganze Elend macht die Stickstoffproblematik deutlich. Der Stickstoffkreislauf ist sehr komplex und reicht über räumliche und zeitliche Skalen hinweg (Stickstoffkaskade). Nur ein Drittel des erzeugten und ausgebrachten Stickstoffs landet in geernteten Marktprodukten. Somit werden zwei Drittel des landwirtschaftlichen Stickstoffs in die Umwelt freigesetzt und verbleibt dort. Die große Mobilität des Stickstoffs führt zu immensen Stickstofflagern im tiefen Grundwasser und maritimen Todeszonen. Hier können die Stickstoffe eine hundertjährige Verweildauer haben und angrenzende Ökosysteme wie Seen, auch nach Versiegen der Eintragsquellen, noch sehr lange schädigen. In Schleswig-Holstein sind hier schon große Lagerstätten in Grundwasser und Ostsee angelegt. Damit nicht genug, N2O – Lachgas – steigt in die Atmosphäre, ist 265-mal klimawirksamer als CO2 und Killer des stratosphärischen Ozons.

Vor diesem Hintergrund plädiert der BUND für das von Wissenschaftler*innen erstellte und dem Vorsorgeprinzip verpflichtende Konzept zur Beachtung der planetaren Grenzen – planetary boundaries. Ziel ist die Erhaltung der Resilienz des Erdsystems. Diese planetaren Leitplanken verdeutlichen einen sicheren Handlungsraum, innerhalb dessen ein geringes Risiko für die Destabilisierung des Erdsystems mit nachteiligen Folgen für die Menschheit besteht (siehe Steffen et al. 2015).

Auch das 7. Umweltaktionsprogramm der EU „Living well within the limits of our planet“ knüpft hier an. Im Auftrag des Umweltbundesamtes wurde daraus für Deutschland die Studie „Die planetare Stickstoff-Leitplanke als Bezugspunkt einer nationalen Stickstoffstrategie“ erarbeitet. Hier wird deutlich, wie weit Deutschland und insbesondere Schleswig-Holstein von einer nachhaltigen Landwirtschaft und Lebensweise (Verkehr, Konsum und Industrie) entfernt ist. Statt der noch erträglichen 0,5 Millionen Tonnen Stickstoff/Jahr emittiert Deutschland 2,3 Millionen Tonnen Stickstoff in die Umwelt. Enthalten sind hier auch die Stickstoffemissionen aus Verkehr und Industrie, deren Reduktion ebenfalls nicht vorankommt.

Die Auswirkungen dieser jahrzehntelangen verfehlten Umweltpolitik bedeuten:

1. Bodennahe Luftverschmutzung (Feinstaub, NOx, Ozon) und dadurch verursachte Gesundheitsschäden (etwa Krebs, Asthma)

2. Anoxische Zonen in den Meeren (Todeszonen)

3. Eutrophierung von Gewässern und Meeren, wie der Ostsee und damit verbundene Produktivitäts- (Fischerei, Tourismus, Lebensqualität) und Biodiversitätseinbußen

4. Klimawirkung durch das Treibhausgas N2O

5. Oxidierung und damit Verlust von Bodenkohlenstoff

6. Nitratbelastung von Gewässern mit entsprechenden Gesundheitsschäden

7. Stickstoff-Eintrag in (vor allem noch stickstoffarme) terrestrische Ökosysteme (wie Hochmoore) und deren damit verbundene Gefährdung

8. Ozonzerstörung in der Stratosphäre („Ozonloch“)

Auswirkungen in Schleswig-Holstein

Die landwirtschaftliche Düngung insbesondere mit Stickstoff und Phosphor beeinträchtigt fast alle Land- und Gewässerbereiche in Schleswig-Holstein. Sie bedeutet schwindende Artenvielfalt und Lebensqualität sowie immense Kosten für die Gesellschaft von 200 bis 300 Euro pro Hektar und Jahr (UBA).

Die schleswig-holsteinischen Seen, Fließ- und Küstengewässer sowie das Grundwasser sind stark belastet:

Fließgewässer

Bei 80 Prozent der Flüsse und Bäche werden die Orientierungswerte für Nährstoffe überschritten.

Seen

Bei 80 Prozent der als natürlich eingestuften Seen werden die Orientierungswerte für Phosphor nicht eingehalten.

Küstengewässer

Bis auf einen sind alle 40 Wasserkörper der Küstengewässer in keinem guten ökologischen Zustand.

Grundwasser

23 von 55 Grundwasserkörpern mit einer Fläche von 7.615 Quadratkilometer sind im obersten Hauptgrundwasserleiter vor allem durch Nitrat und auch Pflanzenschutzmittel in einem schlechten chemischen Zustand, das entspricht etwa der Hälfte der Landesfläche von Schleswig-Holstein (alle Angaben LLUR).

Besonders schlimm ist die Situation der Küstengewässer, wo ein großer Teil der Nähr-/ Schadstoffe landet. Im Bereich der Nordsee sind alle Wasserkörper des WRRL-Küstengewässertyps N1 in schlechtem Zustand mit Überschreitungen der Orientierungswerte sowohl für Stickstoff als auch für Phosphor mit über 100 Prozent. Richtig deutlich wird die Misere bei den Jahresfrachten in die Nordsee, die bei Stickstoff sowie bei Phosphor tausende bis zehntausende Tonnen betragen und seit über zwanzig Jahren einen gleichbleibenden oder bei Phosphor weiter zunehmenden Trend zeigen. Das Ganze findet im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer statt. Der schlechte Zustand ist hier trotz starker tide- und windinduzierten Strömungen vorhanden. Die mit den Schadstoffen beladenen Strömungen, beeinträchtigen auch die Deutsche Bucht. Im Bereich der Ostsee sind gerade die großen Gewässersysteme der Schlei und der Trave extrem belastet. Hier sind Überschreitungen der Orientierungswerte bei Stickstoff und Phosphor um bis zu 800 Prozent vorhanden.

Die Phosphor-Winterwerte überschreiten an allen, auch küstenferneren Messstationen, die Orientierungswerte meist um ein Vielfaches. Dies ist umso schlimmer, da Luftstickstoff aufnehmende Cyanobakterien Massenentwicklungen (Blaualgenblüten) gerade durch Phosphor-Mangel eingedämmt werden könnten. Die Cyanobakterien werden durch die hohen Stickstoff- und Phosphor-Frachten also doppelt gefördert.

Marianne Kolter Landessprecherin DIE LINKE Schleswig-Holstein